Die Idee der gleichen Chancen

„Als gut gilt heute, was uns die Illusion gibt, dass es uns zu etwas bringen werde.“
Robert Musil

Eine Leistungsgesellschaft oder Meritokratie wird per Definition als „Herrschaftsordnung nach Maßgabe von Begabung und Leistungsfähigkeit des Einzelnen“ (Becker & Hadjar, 2011, S. 39) bezeichnet. Diese Ideologie vertritt den Standpunkt einer Gesellschaft, welche sich rein auf die individuellen Leistungen jedes Einzelnen hin ausrichtet. Ohne Berücksichtigung sozialer Herkunft, sowie weiterer Variablen, soll jeder Mensch die Möglichkeit haben nur aufgrund seiner erbrachten Leistung erfolgreich zu sein. Dadurch soll eine Chancengleichheit für alle erreicht werden.

Die Grundidee hervorragend und überzeugend. Eine Gesellschaft in der soziale Hintergründe komplett vernachlässigt werden, keiner ein Stigma aufgedrückt bekommt, aufgrund seiner Herkunft oder anderer Attribute. Alle haben die gleichen Chancen ihre Ziele zu erreichen. Nur durch individuelle Leistung können diese erlangt werden. Somit bleibt jeden selbst überlassen welche Leistung er investiert um am Ende sein gewünschtes Ziel zu erreichen. Das heißt, man muss nur wollen, oder!?

 Doch wie funktioniert die Umsetzung dieses Grundgedankens in der Realität. Gerade in den letzten Jahren kam es verstärkt zu Diskussionen wie innerhalb des deutschen Bildungssystems eine Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit erhöht bzw. gewährleistet werden kann. Für den Lernenden bedeutet dies, dass alle eine gleich hohe Wahrscheinlichkeit besitzen einen identischen Bildungsabschluss zu erlangen. Jedoch weisen Studien wie PISA oder aktuelle Bildungsberichte darauf hin, dass man vor allem in Deutschland von so einer Chancengleichheit weit entfernt ist. Steigt man tiefer in die Materie ein, so stellt man fest das trotz aller guter Absichten, die sozialen Ungleichheiten nicht weg zu diskutieren sind. Bildungsungleichheiten entstehen vor allem aufgrund der Einteilung in soziale Schichten, zwischen den Geschlechtern aber auch aufgrund eines bestehenden Migrationshintergrunds. Die soziale Herkunft steht also in Zusammenhang mit der Bildung. Laut Studien schneiden Kinder, aus sozial schwächeren Schichten, in der schulischen Bildung durchschnittlich schlechter ab als SchülerInnen aus höheren. Auch der Migrationshintergrund spielt nach wie vor eine Rolle. Heranwachsende die über einen solchen verfügen, erreichen statistisch gesehen noch immer geringere Bildungsabschlüsse als ihre MitschülerInnen. Des Weiteren bestehen auch in unserer heutigen, „moderneren“ Gesellschaft noch Unterschiede in der Bildung zwischen den Geschlechtern. Fakt ist, dass Mädchen prozentual häufiger über höherer Bildungsabschlüsse verfügen und somit im Laufe der Schulbildung klar die Nase vorne haben. Allerdings kommt es mit Beendigung der Schulzeit zu einen Umbruch. Männer bekommen dann beispielsweise mehr duale Ausbildungsplätze,  werden besser bezahlt und kommen häufiger in Führungspositionen zum Einsatz. Zudem bestehen ebenso ungleiche Aufstiegschancen der beiden Geschlechter. Welche Gründe es für diesen Wandel nach der Vollendung der Schulzeit gibt, obwohl die Mädchen hier eher besser abschneiden, lässt Raum für Diskussionen. Natürlich sind Statistiken nur Zahlen welche die durchschnittliche Häufigkeit wiederspiegeln, sicherlich gibt es auch immer wieder Beispiele welche Ausnahmen bekräftigen.

Ebenso diskussionsfähig ist, wie in Zukunft solche sozialen Ungleichheiten behoben werden können um eine tatsächliche Chancengleichheit zu schaffen. Kleinere Schritte in diese Richtung wurden bereits unternommen, beispielsweise aus staatlicher Seite, durch die Einführung von Bafög oder Gesamtschulen. Auch außerschulische Aktivitäten wie Nachhilfe oder Förderung der sozialen sowie kognitiven Fähigkeiten können dazu beitragen, dass jedes Kind eine maximale individuelle Förderung erhält und damit auch Benachteiligungen aufgrund von Herkunft, Migrationshintergrund oder Geschlecht im Prozess des Bildungs- und Kompetenzerwerbs kompensiert werden. Ob dies in Zukunft eine Veränderung im Bildungssystem  mit sich bringt wird sich zeigen.

 K.S. (Die)

Quellen:

Becker, R. & Hadjar A. (2010). Lehrbuch der Bildungssoziologie. Meritokratie – Zur gesellschaftlichen Legitimation ungleicher Bildungs-, Erwerbs- und Einkommenschancen in modernen Gesellschaften. Wiesbaden: Springer.

Rabenstein, K. & Reh, S.: Von ,,Kreativen“, „Langsamen“ und „Hilfsbedürftigen“. Zur Untersuchung von Subjektpositionen im geöffneten Grundschulunterricht.

Solga, H. & Dombrowski, R. (2009): Soziale Ungleichheiten in schulischer und außerschulischer Bildung. Stand der Forschung und Forschungsbedarf. Arbeitspapier 171, Düsseldorf: Setzkasten.

URL: http://pala.mischamandl.de/das-maerchen-von-der-leistungsgesellschaft/, 15.06.2016.

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